15 Fehldiagnosen in weniger als einem Jahr.
Das ist eine Zahl, die man schnell liest. Für die Familien dahinter waren es Wochen, Monate und manchmal Jahre voller Unsicherheit. Gespräche, Einschätzungen, Diagnosen, die sich nicht richtig angefühlt haben. Und immer wieder die Frage, ob man dem eigenen Gefühl noch trauen kann.
Genau dort setzt Fin & Feel an.

Initiiert wurde das Bildungszentrum am 03.09.2025 von Jolissa Rusin. Die Idee ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus Situationen, die sich wiederholt haben. Kinder, die als schwierig galten. Fachkräfte, die helfen wollten und trotzdem nicht weiterkamen. Familien, die das Gefühl hatten, etwas wird übersehen.
Fin & Feel verbindet Hochsensibilität, Finanzbildung und Entrepreneurship Education. Drei Bereiche, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. In der Praxis geht es aber immer wieder um dasselbe Thema: Selbstverständnis, Orientierung und die Fähigkeit, das eigene Leben bewusst zu gestalten.
Wenn aus Fragen ein System wird

Viele Kinder passen nicht in die üblichen Einordnungen. Sie reagieren intensiver, ziehen sich schneller zurück oder nehmen ihre Umgebung stärker wahr. Oft bleibt es dann bei einer einzelnen Erklärung, statt das Kind im Ganzen zu sehen.
Gleichzeitig fehlen im Alltag viele Grundlagen, die später entscheidend sind. Finanzbildung kommt kaum vor, unternehmerisches Denken wird selten vermittelt und im Umgang mit Hochsensibilität fühlen sich viele Fachkräfte allein gelassen.
Fin & Feel arbeitet genau an dieser Schnittstelle.
Das bedeutet Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte, Begleitung für Familien und Coachings für Frauen, die ihre finanzielle Selbstbestimmung stärken wollen. Dazu kommen Finanzbildungsangebote und die Arbeit an Fällen, in denen Fehldiagnosen eine Rolle spielen.
Die Einnahmen entstehen über Fortbildungen, Coachings , Materiallizenzen und perspektivisch digitale Lernangebote für Einrichtungen.



45 Einrichtungen, entstanden aus Empfehlungen
Seit dem Start im September 2025 hat sich Fin & Feel Schritt für Schritt verbreitet.
Heute arbeiten 45 Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Angebot, davon zehn in Rostock. Dazu kommen Standorte in Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin und Brandenburg.
Das ist nicht über Kampagnen entstanden. Kein Werbebudget, keine große Marketingstruktur. Es ist gewachsen über Gespräche, Erfahrungen und Empfehlungen von Menschen, die damit gearbeitet haben.


Was sich wirklich verändert
Die Zahl der Einrichtungen erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Wichtiger ist, was in Familien passiert. Seit dem Start konnten 15 Fehldiagnosen aufgedeckt und korrigiert werden. Für viele war das der Moment, in dem sich der Blick auf ihr Kind grundlegend verändert hat.
Auch aus der Gründungsszene kam Rückmeldung. Fin & Feel gewann den ersten Platz beim GreenSummit Greifswald 2025 und beim Pitch Contest der NØRD 2026 in Rostock.
Was jetzt kommt
Im Moment geht es darum, das bisherige Angebot weiterzugeben, ohne dass es an Orte oder einzelne Personen gebunden bleibt.
Das Präsenzcurriculum wird in digitale Formate übertragen. Gleichzeitig entsteht eine stabilere Struktur für Einnahmen, damit das Projekt langfristig unabhängig arbeiten kann.
Für diesen Schritt werden in den nächsten 18 Monaten rund 140.000 Euro benötigt.



Für wen das Ganze gemacht ist
Die meisten, die sich melden, kommen aus Kitas, Schulen oder pädagogischen Einrichtungen. Menschen, die täglich mit Kindern arbeiten und merken, dass klassische Antworten oft nicht ausreichen.
Dann sind da Familien, die schon lange versuchen, ihr Kind besser zu verstehen und endlich Klarheit suchen.
Und Mütter und Frauen, die sich mehr finanzielle Selbstbestimmung aufbauen wollen.
Mit dem Future Leader Club gibt es außerdem ein Format für Kinder und Jugendliche selbst. Dort geht es um Finanzbildung und darum, eigene Ideen auszuprobieren.
Founders Note

„Fin & Feel ist aus dem entstanden, was ich täglich gesehen habe, erschöpfte Familien, ratlose Fachkräfte und Kinder, die als schwierig galten, obwohl sie nur anders waren. Ich bin selbst hochsensibel, deshalb ist diese Arbeit für mich kein Geschäft, sondern eine Herzensaufgabe. Ich stelle Liebe und Hingabe für das, was mir wichtig ist, immer über die Angst. Genau so arbeite ich seit September 2025 mit meinem Team.“
Unterstützung im Hintergrund
Begleitet wird Fin & Feel unternehmerisch durch SpinoffExcellenceMV. Wissenschaftliche Unterstützung kommt vom Zentrum für Entrepreneurship der Universität Rostock.
Dazu kommen Prof. Dr. Thomas Häcker und Prof. Dr. Seifert als Mentor:innen sowie die Feingeister Naturschule in Born, Familie und Freundeskreis.
Finanziert wurde bisher alles aus eigener Kraft. Für die nächste Phase werden Förderprogramme wie ESF Plus, EXIST und Landesförderung in Mecklenburg-Vorpommern geprüft.
Gründungsszene in Mecklenburg-Vorpommern
Frage 1: Was läuft aus deiner Sicht besonders gut in der Gründungsszene in MV?
„In MV ist die Vernetzung untereinander auffällig stark und persönlich über SpinoffExcellenceMV, das ZfE der Universität Rostock und Formate wie NØRD entstehen schnell echte Kontakte und Kooperationen. Gerade für gemeinwohlorientierte und bildungsnahe Gründungen gibt es hier Offenheit und Rückhalt, der in größeren Hubs oft fehlt. Die kurzen Wege machen es leichter, vom Pitch zur konkreten Zusammenarbeit zu kommen.“

Frage 2: Was wünschst du dir für die Zukunft?
„Ich wünsche mir, dass Fin & Feel bundesweit erlebbar wird, dass hochsensible Kinder überall verstanden statt fehldiagnostiziert werden und dass Finanzbildung und unternehmerisches Denken früh selbstverständlich sind. Für die Szene in MV wünsche ich mir mehr geduldiges Kapital für Bildungs- und Sozialgründungen, deren Wirkung sich nicht in Monaten, sondern in Kinderbiografien zeigt.“
Frage 3: Wie hast du in die Gründungswerft gefunden?
„Über das Zentrum für Entrepreneurship & Rouven Seifert sowie Exist Women“
Worum es am Ende wirklich geht
Seit dem Start im September 2025 ist aus einer Idee etwas geworden, das in vielen Einrichtungen bereits im Alltag angekommen ist.
Der Blick auf Kinder verändert sich dort, wo sie nicht mehr vorschnell eingeordnet werden. Familien finden Orientierung, wo vorher Unsicherheit war. Und Fachkräfte bekommen Unterstützung in Situationen, die sich nicht in einfache Antworten pressen lassen.
Und oft beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem ein Kind endlich richtig gesehen wird.








